18. Mai 2012 von matthias | kein Kommentar
Im Zuge der Pläne von Bundesarbeitsministerin von der Leyen zur Rentenversicherungspflicht für Selbständige hier ein Artikel von mir aus dem Jahre 2004. Er mag allen, die sich als wirklich selbständig begreifen, als Argumentationshilfe dienen.
Bis zum 22.5.2012 kann noch die E-Petition von Tim Wessels unterzeichnet werden.
Vorbemerkung
Meine Forschungen zum moralischen Stellenwert des Profitstrebens führen mich zur Notwendigkeit eines klaren Begriffs von Eigentum. Der Begriff des Profits läßt sich m.E. nicht vernünftig greifen, wenn die aus ökonomischem Handeln resultierenden Ansprüche und Verpflichtungen der Subjekte sich nicht klar von einander scheiden lassen. Es müssen Aussagen möglich sein wie: A hat unter Einsatz des Kapitals von B und seiner eigenen Arbeitskraft einen Überschuß X erwirtschaftet, aus dem die Ansprüche des B und der Lohn des A bestritten werden. Profit ist zunächst ein betriebswirtschaftlicher Begriff, kein volkswirtschaftlicher. Er ist daher auf betrieblicher Ebene zu untersuchen, nicht auf gesellschaftlicher. Ökonomische Subjekte sind somit Individuen und nicht Institutionen.
Diese 1-zu-1-Beziehungen sind Gegenstand der klassischen Ökonomie. Diese geht von rational handelnden Individuen aus, die über Kapital- und Arbeitseinsatz zu Eigentum gelangt sind und Teile ihres Eigentums aus Nützlichkeitserwägungen mit anderen tauschen. Nun haben Kritiker der klassischen Ökonomie festgestellt, daß das zweckrationale Handeln des Individuums kontraproduktiv sein kann, weil es den Wert von Kollektivgütern wie Natur und Umwelt, mögliche Ansprüche folgender Generationen oder rekursive Effekte infolge unüberschaubarer globaler Zusammenhänge außer acht läßt. Sozialökonomie und Institutionelle Ökonomie sollen aus diesem Dilemma helfen, indem sie einen Wertekontext kreieren, in dem alles, was einem irgendwie lieb und teuer sein kann, Platz findet und individuelle Ansprüche kollektiven Zielen im Zweifel untergeordnet werden.
Die Versuchung ist sicherlich groß, diesen Weg auch im Zuge der moralischen Beurteilung des Profitstrebens zu verfolgen, und zunächst einmal einen Wertehorizont aufzureißen, in dem sich das egoistische Profitstreben dann zu bewähren hat. Nun ist aber das eine Werte-Universum so gut oder schlecht wie das andere, und ohne eine Grundannahme, ein Axiom, wird man sicherlich in der Kakophonie untergehen, die der wirtschaftsethischen Debatte seit jeher zu eigen ist.
Ich will also die heuristische Annahme treffen, daß der liberale Eigentumsbegriff, wie er von John Locke entwickelt und von Robert Nozick verfeinert und verteidigt wurde, richtig ist. Ich will ihn dann auf eine Situation anwenden, in der er zu Widersprüchen führt, um dann Ansätze zur Lösung dieser Widersprüche zu diskutieren. Meine Beispielsituation soll das deutsche System der Rentenversicherung sein, weil es a) aktuell als Problem diskutiert wird und sich b) der (vermeintliche) Widerspruch im liberalen Eigentumsbegriff sehr klar aufzeigen läßt. Andere Situationen, die hier anwendbar wären, sind die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter oder die Amnestie für Steuerflüchtlinge.
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5. April 2012 von matthias | kein Kommentar
Der Bocksgesang eines alten Fauns (Grass’ “Gedicht” zur Bedrohung des Weltfriedens durch Israel) gibt Anlass, an dieser Stelle eine Polemik aus der Schublade zu holen und hier zu veröffentlichen.
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch“ dichtete Bertolt Brecht visionär bereits in den 1940er Jahren – und die aktuellen Berichte über Antisemitismus in Deutschland sollten ihm Recht geben. Laut einem Expertenbericht des Deutschen Bundestages ist jeder fünfte hierzulande judenfeindlich eingestellt: Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel und raus bist du! Die Islamisten: ja; die Nazis: ja – aber du und ich? Haben die Deutschen aus ihrer Geschichte nun also doch nichts gelernt, waren alle Bemühungen unserer Brecht und Böll lesenden Oberstudienräte in den vergangenen Jahrzehnten vergebens? Die Antwort ist einfach: Ja, das waren sie.
Was bei all der Erziehung zu Toleranz, Miteinander, Friedfertigkeit und so weiter nämlich notorisch übersehen wird ist, dass der Mensch einen Feind braucht. Im Kindergarten fängt das schon an, wo ohn’ Unterlass über die lieben kleinen der Seim des „Alle Menschen sind Freunde – und die Tiere auch“ ausgegossen wird – und bitte, Kevin, lass deine Spielzeugpistolen zuhause. Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten. weiterlesen …
26. Februar 2012 von matthias | kein Kommentar

Der griechisch-römische Philosoph Epiktet (ca. 50-125 n.Chr.)
“Der steht für was” titelte die ZEIT zuletzt über den designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck und das Publikum freut sich, dass nun
endlich wieder einmal einer mit Haltung ins Schloss Bellevue einzieht, nachdem zwei Zählkandidaten hier ihre Rückgratlosigkeit zur Schau stellten. Gaucks Haltung ist die eines protestantischen Solitärs, es ist die Epiktets, der schreibt: “Gehst du zum Baden, so stelle dir vor, wie es im Bade zugeht, wie sie allerhand Unfug treiben, sich stoßen, zanken, einander bestehlen. Du wirst ruhiger bleiben, wenn du dir von vornherein sagst: ich will baden, aber ich will auch meine naturgemäße Haltung bewahren. … Begegnet dir dann ein Ärgernis beim Baden, so wirst du dir sagen: ich wollte ja nicht bloß baden, sondern auch meine mir gemäße Haltung bewahren, wenn ich mich über solche Dinge ärgerte.” Die Badeanstalt, in der Gauck aufwuchs, hieß DDR, und seine Haltung hat ihn davor bewahrt, in dieser Umgebung größeren Schaden zu nehmen. Die Freiheit des Joachim Gauck ist eine innere Freiheit, die in Ermangelung äußerer Freiheit kultiviert wurde. Kultivierung meint hier, im Wechselspiel von Zwang und Vernunft zur Autonomie zu gelangen.
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10. Februar 2012 von matthias | kein Kommentar
von Hartmut Finkeldey
Es ist ein lakonischer Roman, aber wild in aller Lakonie. Die Story ist schnell erzählt; wie immer, wenn ein Roman ohne literarisches Larifari konzentriert auf den Punkt kommt. Ein Biologe, Gentechniker,
Spezialgebiet „Gerste“ – nicht Ingenieur der Seele gerade, aber so etwas wie ein Ingenieur der Biosphäre, akademischer Mittelbau an der Uni Stuttgart -, hat seine längst überlebte Beziehung beendet.
Auf einer Fachtagung in Frankreich, in Dijon, begegnet er Hanna C. Johnson, einer Fachkollegin. Sie kommt aus den USA, und zwar aus Montana, wo es 40 Arten der Einsamkeit gibt, ist verheiratet, schläft aber seit Jahren nicht mehr mit ihrem Mann. Die Begegnung mit Hanna erweist sich als eine
ins Mythische gewendete Wiederholung. In einer wild-genialen Destruktion des Namens wird uns erzählt, „Hanna“ bedeute letztlich „Gerste“ (genauer: sei mit der Gerste mythisch aufs engste verknüpft). Der Techniker, dessen Job es ist, die Gerste zu beherrschen, sie neu zu designen, wird nunmehr auf einmal vom Gegenstand seiner Forschungsbegehrens überwältigt.
Aber wer jetzt glaubt, es werde die alte Geschichte vom Rationalisten erzählt, der jetzt das „Menschliche“ und den Mythos neu für sich entdecke – ein bisschen „Homo Faber“ und so, „Auf der Welt sein: im Licht sein!“ –, der erlebt eine sehr angenehme, sehr positive Überraschung.
10. Januar 2012 von matthias | kein Kommentar
Die große Politik ist Theater und ihre Akteure sind tragische Helden. Als Zuschauer sind wir dabei vom Zwang zur Entscheidung befreit – und können uns an den dramatischen Ereignissen gefahrlos selbst verorten.
Ein Politisches Feuilleton im Deutschlandradio Kultur, gesendet am 10.01.2012.
30. Dezember 2011 von matthias | kein Kommentar
… so betitelte der große Liberale Denker Friedrich August v. Hayek in den 1940ern seine Streitschrift, die er “den Sozialisten in

F.A. Hayek
allen Parteien” widmete. Wie der real existierende Sozialismus die Menschen in die Knechtschaft geführt hatte, ist heute durch die Geschichte belegt. Dass sich der Sozialismus aber damit erledigt hätte, ist eine Mär. Im Schatten des vermeintlich siegreichen Kapitalismus gedeiht er besser denn je. Aktuell denkt man in der CSU laut darüber nach, auch für Selbständige eine Rentenversicherungspflicht einzuführen. Vordergründig gibt man sich um die Altersarmut gescheiterter Existenzen besorgt, in Wahrheit geht es aber schlicht um eine Verbreiterung der Beitragsbasis, um nicht doch in naher Zukunft Rentenkürzungen beschließen zu müssen – für machtgewohnte CSU-Politiker eine gruselige Vorstellung. Applaus kommt postwendend von den Grünen, die so vom Traum einer kuscheligen Gesellschaft aus lauter Gutmenschen beseelt sind, dass sie dafür inzwischen jeden Despotismus in Kauf nehmen.
Anlass also, in dem folgenden Artikel noch einmal etwas grundlegender über den vorsorgenden Sozialstaat nachzudenken:
Es ist auch meine Freiheit, dass meine Zukunft offen ist
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27. Dezember 2011 von matthias | kein Kommentar
Wie sich soziales Handeln der Wirtschaft vor die Füße wirft
Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Spiegelkabinett. Wenn es gut gemacht ist, wird es Ihnen schwerfallen, die Realität von der Spiegelung zu unterscheiden. Sie laufen gegen Wände, die Sie für Türen halten und weichen Menschen aus, die nichts als Bilder sind. So sehen wir überall Spiegelungen des Ökonomischen. Wir nennen soziales Handeln Arbeit, weil es so aussieht und merken dabei nicht, wie wir jene Sphären preisgeben, die lange Zeit dem Tauschhandel verschlossen waren: Die Erziehung, die Freundschaft, Liebe, die Pflege. Es ist Zeit, um es mit dem französischen Philosophen Jean Baudrillard auszudrücken, den Spiegel zu zerbrechen. weiterlesen …
16. Dezember 2011 von matthias | kein Kommentar
Banken fallen in letzter Zeit in sich zusammen wie Kartenhäuser, Finanzpolitiker retten ein paar durch milliardenschwere Hilfen; es scheint eine Schlacht der Experten gegen eine ebenso unverständliche wie bedrohliche Krise zu sein. Der Bürger steht passiv am Rand und staunt. Wenn man gedanklich einen Schritt zurück tritt, wird indes der Zusammenhang zwischen persönlichem Verhalten, also dem, was die Ethik lehrt, und den ökonomischen Verwerfungen deutlich. weiterlesen …
4. Dezember 2011 von matthias | kein Kommentar
So herum sollte es sein: Der Mensch ist der Herr und das Geld der Knecht. Dieser Tage scheint man sich da aber nicht mehr so sicher zu sein.
Passend zum Thema ist gerade mein gleichnamiger Aufsatz erschienen, den es hier in leicht gekürzter Fassung zum Herunterladen gibt.
Peter Seele (Hg.): Ökonomie, Politik und Ethik in der Praktischen Philosophie der Antike. Berlin, de Gruyter, 2012.
18. November 2011 von matthias | kein Kommentar
Von Roberto de Lapuente (“Sezierte Liebe“) und der exempla-Herausgeberin (und DER femme de lettre Ludwigsburgs) Ursula Jetter (“Hanna oder Die Erkenntnis”).