Mythos Elektro-Auto

Politisches Feuilleton vom 3. Juni 2016
Politisches Feuilleton vom 3. Juni 2016

Es gab vor einigen Jahren einmal einen Werbespot von Mercedes-Benz, in dem ein Mann sich durch das laute Gewühl einer arabischen Stadt schlängelte, dann in eine Limousine der Marke stieg und die Tür hinter sich zuschlug, worauf völlige Ruhe einkehrte. „Willkommen zuhause“, lautete der dazugehörige Slogan.

Der Spot erntete schnell den Vorwurf der rassistischen Attitüde, er grenzte aus, schuf ein „Ich“ und „die Anderen“. Die Werbung hat man vom Markt genommen, die Autos nicht. Im Gegenteil: Sie haben in ihrer Exklusivität, das heißt in ihrer Fähigkeit auszugrenzen, weiter zugenommen: sind größer, wuchtiger, panzerartiger geworden. Die Kundschaft, heißt es, will es so.

Wenn man nun die automobile Gesellschaft in einen politischen Kontext stellt, könnte man zu der These gelangen, dass sich die gegenwärtige Wagenburgmentalität in Europa schon länger im Wagen als Burg angekündigt hatte. Das Automobil-Design fungiert hier als Trend-Scout gesellschaftlicher Entwicklung.

Aus Freiheit des Autos wurde Big Brother der Sicherheit

Die Freiheitsverheißung, die sich ehedem mit der individuellen Mobilität verband, hat sich längst in ein Sicherheitsversprechen gewandelt. Das Auto ist zu einem Big Brother hochgerüstet, das sowohl seine Insassen wie seine Umwelt mit Kameras und Sensoren überwacht und im Angriffsfall den Airbag zwischen seine Schützlinge und das böse Draußen wuchtet.

Wir haben es hier mit einem modernen Mythos zu tun, dem Mythos vom Wagen als Trutzburg, der sich zudem mit einem bestimmten Antriebskonzept verbunden hat, nämlich dem Verbrennungsmotor. Die Bemühungen, Elektro-Autos an den Mann zu bringen, scheitern vorrangig an dieser Konnotation von Ausschluss und Antrieb.

Der Elektromotor ist nämlich im Gegenzug traditionell mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verknüpft: mit Tram, S-Bahn, Zug. Also mit inklusivem Design, einer offenen Gestaltung für alle, wie es schon der Omnibus seit jeher im Namen führt. Das Publikum scheint dies instinktiv zu spüren und empfindet das Elektroauto als eine Art Kuckucksei, das man ihm ins Nest legt.

Elektroautos folgen Konzept exklusiver Mobilität

Wenn die amerikanische Firma Tesla und hierzulande BMW nun Elektroantrieb mit Exklusivität verbinden, dann folgen sie damit genau diesem Empfinden der Kundschaft. Sie eröffnen der Mobilität damit aber keinerlei Perspektive. Auch das Elektroauto steht im Stau, verschwendet öffentlichen Raum und verbraucht genauso viel Energie wie herkömmliche Wagen.

Auch das Elektroauto bleibt dem Gestaltungskonzept der Exklusivität verhaftet und steht damit im Widerspruch zur globalen Entwicklung, die zunehmend Mega-Städte von der Größe deutscher Bundesländer hervorbringt. Wo es also nicht als bloßes Übergangsphänomen auf dem Weg zu inklusiver Mobilität begriffen wird, führt das Elektroauto in eine Sackgasse.

Öffentliche Verkehrsmittel müssen attraktiver werden

Den integrationsunwilligen Automobilisten nun mit Steuergeldern ihr letztes exklusives Refugium zu subventionieren, ist daher im wahrsten Sinne des Wortes unsozial und damit auch unökologisch. Gerade, weil die soziale, die inklusive Mobilität ja längst erfunden ist. Sie gilt es also zu fördern, attraktiver zu machen, effizienter.

An Bussen und Bahnen kann der Staat zudem seine ureigenste Schutzaufgabe wahrnehmen und damit zu einer Abrüstung auf den Straßen beitragen. Enrique Peñalosa, ehemaliger Bürgermeister von Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, brachte es wie folgt auf den Punkt:

„Eine hochentwickelte Stadt ist keine, in der die Armen Auto fahren, sondern eine, in der die Reichen öffentliche Verkehrsmittel benutzen.“

Paradies 2.0 – Eine Fiktion über das bedingungslose Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen, über das die Schweizer am 5. Juni abstimmen, habe ich schon vor zehn Jahren in meinem Buch Profitstreben als Tugend? (Marburg, Metropolis 2007) behandelt – die antiken Athener hatten es nämlich. Und es hat nicht funktioniert. Die Grundannahmen, die von den heutigen Verfechtern vorgebracht werden, sind die gleichen, wie vor zweieinhalb tausend Jahren. Die Folgen werden es auch sein, würde es denn je eingeführt: Für Athen bedeutete es das Ende der Polis – für uns wäre es das Ende der Politik.

In meinem Hörspiel Paradies 2.0 habe ich das Szenario ausgearbeitet.

Den Text gibt es hier als eBook (EPUB-Format) und PDF zum herunterladen.

In den Köpfen Ramsch und Flickwerk

Das Ende der Wissensgesellschaft

Politisches Feuilleton vom 31.03.2016
Politisches Feuilleton vom 31.03.2016

 

 

Bildung ist die Zukunft, Wissen muss allen zugänglich gemacht werden, nur als Wissensgesellschaft sind wir überhaupt überlebensfähig. Wer solche Sätze sagt, erntet Zustimmung. Und es ist in dieser Hinsicht ja schon viel erreicht worden: In den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Hochschulabsolventen in Deutschland weit mehr als verdoppelt. Im OECD-Bildungsranking geht es stetig bergauf. Alles gut also? Weit gefehlt. Denn der Steigerung der Quantität steht ein ebensolcher Niedergang der Qualität gegenüber. Man kann inzwischen ein Studium abschließen, ohne je ein Buch gelesen oder eine Bibliothek besucht zu haben. Wo es früher noch hieß, man müsse zwar nicht alles wissen, aber wenigstens, wo es steht, braucht man heute nicht einmal mehr das: Mit ein paar Klicks ist die Bachelor-Arbeit zusammengestoppelt. Und weil zugleich am akademischen Lehrpersonal gespart wird, werden diese „Arbeiten“ in Anführungsstrichen umstandslos durchgewinkt.

Wissen, das war einmal etwas, was schwer zugänglich war, das sich in teuren Büchern verbarg, sich einer geheimnisvollen Sprache bediente, über etliche Holzwege mühsam zusammengetragen werden musste. Und dadurch um so reizvoller und wertvoller wurde. Wissen, das war ein Geheimnis und nur wenigen gelang es, in die inneren Kreise vorzustoßen. Womit zugleich auch der Wert des Wissens belegt war. Inzwischen muss sich indes niemand mehr anstrengen, die Barrieren sind abgebaut, das Wissen gibt es für lau. Wozu sich Mühe geben, wenn im Netz in Echtzeit alles zu haben ist?

Das wäre jetzt noch nicht weiter schlimm. Die Demokratisierung des Wissens geht eben mit einer Absetzung der alten Eliten einher, die sich nun nicht mehr hinter ihren Bollwerken verschanzen und Deutungshoheit beanspruchen können. Wer darüber klagt, scheint doch nur um seinen alten Status zu fürchten. Doch wenn alle alles wissen, dann ist auch alles irgendwie Wissen. Und warum sollte dann eine Verschwörungstheorie nicht genauso viel wert sein wie eine wissenschaftliche Theorie?

Es wird aber schlimmer kommen. Den Hinweis darauf gibt eine zweite Zahl. Im gleichen Zeitraum, in dem die Studentenzahl sich verdoppelte, hat sich die Zahl der Meisterprüfungen im Handwerk halbiert. An diese Prüfung, in der man zeigen muss, das man wirklich etwas kann, sein Metier beherrscht, einen Betrieb zu führen versteht, an diese Prüfung, die man selbst bezahlen muss und an der regelmäßig 20 Prozent der Kandidaten scheitern, traut sich kaum noch jemand heran. Muss ja auch nicht, denn weit über die Hälfte der Handwerke ist seit etlichen Jahren vom Meisterzwang befreit.

Nimmt man dies beides zusammen, dann wird unsere Zukunft so aussehen: Alle haben einen Hochschulabschluss, jeder weiß mit einem Klick alles, keiner kann mehr etwas. Die Wissensgesellschaft wird eine Gesellschaft von legasthenischen Besserwissern zwischen Ramsch und Flickwerk sein. Man sollte das nicht bedauern und jetzt wieder das Internet verteufeln. Dass jemand die Barrieren wieder aufbaut, Wissen wieder mit Anstrengung verknüpft, ist nicht abzusehen. Man könnte ja durchaus mal einen halben Jahrgang durch die Abiturprüfung fallen lassen, nur so zur Abschreckung. Aber das wird nicht passieren. Die Logik der Politik tendiert immer zur Vereinfachung: Wer den Menschen etwas abverlangt, macht sich unbeliebt.

Schauen wir dennoch frohgemut nach vorne: Wissen und Können werden in intelligenten Robotern eine neue Heimat finden, die nichts lieber tun, als sich richtig für uns anzustrengen. Sie sind die Bildung der Zukunft. Und wir schauen vom Sofa aus genüsslich dabei zu.

Mit Hegel ins 21. Jahrhundert: Beständiger Wandel

„Das Ganze ist ein ruhiges Gleichgewicht aller Teile und jeder Teil ein einheimischer Geist, der seine Befriedigung nicht jenseits seiner sucht, sondern sie in sich darum hat, weil er selbst in diesem Gleichgewichte mit dem Ganzen ist.“ So schrieb es Anfang des 19. Jahrhunderts Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der gerne als der deutsche Staatsphilosoph bezeichnet wird. Es klingt, als hätte er damit das Sehnsuchtsmotiv eben jener einheimischen Geister formuliert, für die das ungestörte Dasein in der bürgerlichen Gesellschaft das Maß aller Dinge ist. Ruhe, Frieden und Gleichgewicht in der Heimat, das scheint derzeit das zu sein, was eine Mehrheit bedroht sieht und was sie von der Politik geschützt wissen will. Was hier in einem Satz beschrieben wird, ist aber, wenn man so will, nur der halbe Hegel. Wer hier zu lesen aufhört, meint dasjenige bestätigt zu finden, was er in seinem kleinbürgerlichen Geist, in seinem Kleingeist schon immer für richtig erachtet hat. In seinem epochalen Werk von der Phänomenologie des Geistes zeigt uns der Denker aber, dass in der Ruhe kein Bestehen zu finden ist, dass vielmehr alles erst durch seine fortwährende Negation seine Bestätigung erfährt. Das eingangs zitierte Gleichgewicht könne sich nämlich nur dadurch lebendig erhalten, heißt es gleich im folgenden Satz, indem Ungleichheit in ihm entstünde. Und damit meint Hegel weit mehr als bloß ein bisschen Arm und Reich. Um ein Gemeinwesen mit seinen isolierten Subsystemen zusammenzuhalten, müsse es hin und wieder durch einen Krieg erschüttert werden, der den Individuen, so schreibt er, „in jener auferlegten Arbeit ihren Herrn, den Tod, zu fühlen“ gebe.

Zu jener Zeit siegte sich Napoleon Bonaparte gerade durch Europa und auch wenn die Kriege damals noch nicht die mörderische Massenvernichtung des 20. Jahrhunderts kannten, die rund 35.000 Toten und Verwundeten der Schlachten bei Jena dürften auch dem dort lehrenden Privatdozenten Hegel nicht verborgen geblieben sein. „Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat“, stellt er lapidar fest, könne „wohl als Person anerkannt werden“; es habe aber „die Wahrheit dieses Anerkanntseins als eines selbständigen Selbstbewußtseins nicht erreicht.“

Angesichts der Millionen Kriegstoten und der Völkermorde seitdem verbietet sich Hegels Schlachtfeld-Optimismus – der dahinterstehende Gedanke einer fortwährenden Unruhe als Prinzip jeglicher Existenz, ob individuell oder gesellschaftlich, bleibt dennoch richtig. Die Zerrissenheit Europas, seine gegenwärtige Erschütterung, die allenthalben von den Kommentatoren wie ein Menetekel an die Wand gemalt wird, stellt insofern gerade nicht das drohende Ende des Gemeinwesens dar, sondern seinen immer wieder in Angriff zu nehmenden Anfang. Der inzwischen geflügelte Merkel-Satz vom „Wir schaffen das“ hätte im Sinne der Hegelschen Dialektik gerade dann seine Wahrheit bewiesen, wenn er sich als falsch herausstellen sollte. Die notwendige Bewegung ist nämlich nur um den Preis des möglichen Scheiterns zu haben – wer bloß am Bestehenden festhält, wird dagegen über kurz oder lang nichts mehr in Händen haben. Man muss den Kleingeistern die Anerkennung daher nicht verweigern – man könnte sie ihnen überhaupt gar nicht gewähren, nicht einmal aus Versehen.

Wer hingegen seine Existenz aufs Spiel gesetzt hat, weiß um die Wahrheit seines Selbstes. Dies wird die neue bindende Kraft sein, nicht mehr die zunehmend verblassende Erinnerung an vergangene Schrecken. Das Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts wird eine Gemeinschaft der Wagenden sein.

Neues Buch: vögeln – eine Philosophie vom Sex

voegeln_Buch_1_grau_1182In „vögeln – eine Philosophie vom Sex“ bringe ich das zur Sprache, was die Denker seit zweieinhalb tausend Jahren verschämt verdrängt haben und erkläre, wie Philosophie und männliche Dominanz, Vernunft und sexuelle Unterdrückung zusammenhängen. Dabei gehe ich nicht nur analytisch vor, sondern versuche auch poetisch die Grenzen des Sagbaren auszuloten. Der Künstler Thomas Putze steuert etliche Tuschezeichnungen zu diesem Buch bei.

vögeln – eine Philosophie vom Sex wurde über startnext.de erfolgreich finanziert und wird voraussichtlich Mitte/Ende August 2016 ausgeliefert.

Weitere Informationen und Leseproben unter www.philosophievomsex.de.

Die Vernunft des Terrors

Radiobeitrag vom 23.11.2015, hier in einer etwas längeren Fassung.

Politisches Feuilleton vom 23.11.2015
Politisches Feuilleton vom 23.11.2015

Jetzt haben sie es wieder getan. Wie schon soviele Male zuvor. Mitten ins Herz der westlichen Welt, der freien Welt, der aufgeklärten Welt. Wieviele Tote sind es inzwischen schon? Man kann sie kaum noch zählen. Fast ein Wunder, dass es einen selbst noch nicht getroffen hat. Dieses Es: der Terror.

Und jetzt werden wir wieder reagieren, die Einheit unserer Werte beschwören, die Überwachung verstärken, Freiheiten einschränken, aufrüsten und die sogenannten Ursachen des Terrors bekämpfen, oder es zumindest versuchen. Doch der nächste Anschlag wird kommen. Wir werden dieses Andere, das sich mit solcher Vehemenz gegen uns richtet, nicht besiegen können. Denn dieses Andere, das sind am Ende wir selbst. Die aufgeklärte Vernunft, die die Freiheitswerte der westlichen Welt hervorgebracht hat, und der Terrorismus, der sie zerstören will, sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Um das zu verstehen, müssen wir zu den gemeinsamen Anfängen zurück, zur gemeinsamen Wurzel von universeller Vernunft und Monotheismus. Im biblischen Abraham-Mythos, der von den Anfängen des Glaubens an den einen Gott berichtet, wird auch die Geschichte des Kampfes Abrahams gegen den sumerischen König Kedor-Laomer erzählt. Dieser hatte mit seinem riesigen Heer die Stadt Sodom überfallen und geplündert und dabei auch Abrahams Neffen Lot mitsamt dessen Familie verschleppt. Als Abraham davon erfährt, eilt er dem Heer mit einem kleinen Haufen seiner Schafhirten nach Norden nach, überfällt das Heerlager in der Nacht von zwei Seiten, metzelt fast alle nieder und jagt den Flüchtenden, einschließlich dem König, noch so lange hinterher, bis auch der letzte getötet ist. In diesem ersten Vernichtungsfeldzug unserer Kulturgeschichte dokumentiert sich der Allmachtsanspruch des Gottes der Juden, Christen und Muslime, die Universalität des vernünftigen Gottes, der alles geschaffen hat und der alles lenkt. Dieser Universalitätsanspruch ist nun aber derselbe, den die aufgeklärte Vernunft für sich und ihre Menschenrechte reklamiert. Sie hat den vernünftigen Gott in den Gott der Vernunft überführt; sie ist, wenn man so will, „Monotheismus ohne Götzendienst“. So hatte es der berühmte Marquis de Sade formuliert und in seinen Büchern hatte er uns direkt im Anschluss an die europäische Aufklärung gezeigt, wie sich der Totalitarismus der Vernunft in die totale Grausamkeit verkehren kann. Die Freiheit und die Unfreiheit stehen sich nicht als Feinde gegenüber, sondern in einer dialektischen Beziehung zueinander. Der Anspruch einer allumfassenden Freiheit ist in sich widersprüchlich, weil er genauso totalitär ist wie der Feind, gegen den er sich richtet. Denn was Alles ist, ist zugleich nichts. Um Etwas zu sein, muss es immer ein Anderes geben, das dieses Etwas nicht ist. Die totale Vernunft und der totale Gottesglaube müssen sich daher gegen sich selbst kehren, weil es ein Anderes für sie per Definition nicht geben kann. Im Terror und im Krieg gegen den Terror stehen sich also nicht ein freiheitlicher Westen und ein unaufgeklärter Orient gegenüber, sondern ein und derselbe Universalitätsanspruch, dessen innere Widersprüchlichkeit nun offen zutage tritt.

Dass der Terrorismus der letzten zwei Jahrzehnte vorrangig islamistisch ist, liegt also nicht in einer prinzipiellen kulturellen Differenz begründet, sondern allein an einem günstigen Nährboden. Wir sehen keinen zionistischen Terror, weil der bewaffnete Kampf seit Jahrzehnten verlässlich von der offiziellen israelischen Armee erledigt wird. Sollte sie einmal in diesem Kampf nachlassen, greift aber auch das radikale Judentum schnell zur Waffe, wie man insbesondere am Attentat auf Itzak Rabin gesehen hatte. Wir sehen keinen evangelikalen christlichen Terror, weil die fundamentalistischen Jesus-Anhänger bestens in die westliche Ökonomie integriert sind. Welches Potenzial zur Gewalt aber auch in ihnen steckt, lässt sich immer wieder in den USA beobachten. Die Bürgerkriege in vielen islamischen Ländern, die mangelnde Integration in Europa und die Hegemonie einer globalisierten Ökonomie sind also nicht die Ursachen des Terrors, sondern lediglich die ihn begünstigenden Umstände.

So richtig es ist, an diesen Umständen etwas zu ändern, so richtig es auch ist, den IS militärisch zu bekämpfen, eine dauerhafte Lösung ist es nicht. Wenn angesichts der Anschläge, angesichts der Toten die Einheit der westlichen Wertegemeinschaft gegen den Fundamentalismus beschworen wird, dann droht diese Wertegemeinschaft sich mit ihrem Gegner gemein zu machen. Die Antwort auf den Terror sollte also nicht lauten: Mehr Festigkeit, sondern: Mehr Flüssigkeit. Mehr Durchlässigkeit, Vielfalt, Differenz. Und auch wenn es paradox klingen mag: Weniger Vernunft. Angesichts der realen und empfundenen Bedrohung die Grenzen für Zigtausende zu öffnen, war vielleicht völlig unvernünftig – aber genau deswegen das Richtige.

Es wäre, nach den Anschlägen von Paris, sicherlich vernünftig Angst zu haben. Ich habe keine.

Schummel auf dem Prüfstand? Völlig in Ordnung!

Politisches Feuilleton vom 16.6.2015
Politisches Feuilleton vom 20.10.2015

 

 

Die Welt wird, da dürfte jeder zustimmen, zunehmend unübersichtlicher. Früher gab es bei Mercedes zwei Baureihen, inzwischen sind es etwa zwölf. Man kann in Deutschland zwischen gut 17.000 Studiengängen wählen und die sozialen Netzwerke offerieren Tausende potenzieller Lebenspartner.

In solch einer unübersichtlichen Welt, in der sich tausend Bewerber um einen Job bemühen, man nicht mehr weiß, welcher Reproduktionspartner für einen der richtige ist, welche Zahnpasta man benutzen oder eben welches Auto man kaufen soll, schafft der Test Orientierung – als Intelligenztest, Gentest, Ökotest oder eben Abgastest.

Und wenn man nicht nur seiner Umwelt, sondern auch sich selbst misstraut, dann greift man zum Psychotest.

Wo das Leben keine echten Herausforderungen mehr bereithält, es keine Drachen mehr gibt und damit auch keine Helden, müssen auch die Bewährungsproben simuliert werden. Und wo Waren kaum noch Gebrauchswert haben, sondern vorrangig einen Status ausdrücken, hilft gesteuerte Simulation, das schlechte Konsumgewissen zu beruhigen.

Tests sagen nichts über die Realität aus

Der Test ist eine ganz und gar künstliche Angelegenheit, und trotzdem neigt man dazu, ihn für die Wirklichkeit zu halten, gerade weil er so klare und einfache Resultate liefert. Noten von eins bis sechs, Energieeffizienzklasse A bis G, „Bester seiner Klasse“: Das ist es, was man sich am leichtesten merken kann.

Unübersichtlichkeit steht dagegen unter Täuschungsverdacht, allerdings zu Unrecht.  Ein Test liefert nur quantitative Ergebnisse, setzt Werte zueinander in Beziehung. Er kann kein qualitatives Urteil fällen.

Wenn koreanische Schüler im PISA-Test notorisch besser abschneiden als deutsche, belegen die Ergebnisse lediglich, dass der koreanische Schulalltag mehr einem Dauertest gleicht. Sie sagen nichts über die Qualität des Bildungssystems aus.

Und wer ein gutes Abitur hinlegt, ist trotz Hochschulreife noch lange nicht reif fürs Leben, sondern hat nur verstanden, wie man Erwartungen der Prüfer bedient, was für die weitere Karriere alles andere als hinderlich ist.

Der Götzendienst am Test geht schon so weit, dass derjenige als unmoralisch gilt, der sich seiner Vermessung verweigert. Er wird verdächtigt, etwas zu verbergen, im Schilde zu führen, am Ende gar schädlich für die Gesellschaft zu sein. Mindestens aber schätzt man ihn als dumm ein, weil er an seinen persönlichen Testergebnissen nicht interessiert sei.

Im Schummel liegt tiefere Einsicht

Ich habe daher Sympathie für Schummler und Trickser, Fälscher und Betrüger, die einer datenfixierten Gesellschaft vor Augen führen, dass die Wirklichkeit nicht in eine Tabelle passt.

Wer sich darüber empört, hängt einem naiven Weltbild an, ihm entgeht der aufklärerische Nutzen, den die VW-Diesel im Abgastest auf dem Prüfstand bewiesen. Die Ingenieure von Volkswagen haben ihren Motoren beigebracht, was viele Menschen nicht können: nämlich Realität von Simulation zu unterscheiden.

Das ist nicht nur eine technische Meisterleistung, sondern zeugt auch von tieferer Einsicht: Sei der, der du bist – und gib dem Test den Rest.

Die Scherben meines Glücks

Die Philosophie wird in letzter Zeit immer wieder mit dem Thema „Glück“ belästigt. Die Leute glauben, die Philosophen hätten hier eine besondere Kompetenz. Ich habe vergangenes Jahr diese Erwartungshaltung mit einer kleinen Performance in der Stuttgarter Hospitalhof-Kirche durchkreuzt, in der ich mich am abgelehnt- und ausgeschlossenwerden erfreue.

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Da das Video spontan aufgenommen wurde, ist die Tonqualität nicht optimal.

Dank an Thomas Putze für den Fensterrahmen und an Kurt Laurenz Theinert für die Video-Datei.

Der brutale Glanz der Scheichs

Politisches Feuilleton vom 16.6.2015
Politisches Feuilleton vom 16.6.2015

In der vergangenen Woche wurde das Urteil gegen den saudischen Publizisten al-Badawi bestätigt: 1.000 Stockhiebe und zehn Jahre Haft für ein paar Worte der Kritik. Wenn die irrwitzige Strafe vollzogen wird und Badawi sie überhaupt überlebt, dann als gebrochener Mann. Dabei ist dieser Fall nur die momentan sichtbarste Aktion eines Regimes, das monatlich bis zu zehn öffentliche Hinrichtungen durchführt und seine Arbeiter und Hausmädchen nicht selten wie Sklaven behandelt und missbraucht.

Klar, als Medienkonsument gewöhnt man sich schnell an alles. Aber im Falle Saudi-Arabiens scheint nicht einmal Gewöhnung nötig zu sein. Dabei ist das autokratische Königreich so anti-demokratisch und in seiner Auslegung des Islam so fundamentalistisch, dass der Nachbar Iran dagegen fast schon liberal erscheint. Trotzdem hört man aus dem Westen im Allgemeinen und aus Deutschland im Besonderen keine Worte der Kritik. Traditionell nicht. Im Gegenteil: Das archaisch-brutale Reich der Scheichs wird hofiert und mit modernsten Waffen vollgestopft.

Was sind die Gründe?

Man denkt zunächst ans Öl. Aber das gilt schon lange nicht mehr. Mit einem Importanteil von unter 5 Prozent ist saudisches Öl für Deutschland völlig unbedeutend. Umgekehrt hat man keine Probleme damit, unseren wichtigsten Energielieferanten, Russland, politisch zu isolieren und mit Sanktionen zu belegen. Im Öl-Argument steckt allenfalls noch die alte Traumatisierung durch die Ölkrise vor 40 Jahren.

Dann vielleicht die geostrategische Bedeutung Saudi Arabiens? Nun ja. Wer angesichts des Chaos im Nahen Osten ausgerechnet im Reich der Wahabiten einen Stabilitätsfaktor sieht, muss schon sehr naiv sein. Außerdem hat der Westen in den vergangenen Jahren gezeigt, wie schnell er autoritäre Regime in der Region fallen lassen kann.

Auch das oft zitierte Argument wirtschaftlicher Verflechtungen zieht nicht. Die gesamte Wirtschaftsleistung Saudi-Arabiens ist kaum größer als die der Schweiz und steht gerade einmal für 0,5 Prozent des deutschen Außenhandels. Die Scheichs aus der deutschen Wirtschaft auszuschließen, würde hier kaum jemandem den Job kosten.

Was also unterscheidet König Salman von Putin oder Ayatollah Chamenei, das uns so mit zweierlei Maß messen lässt?

Ich vermute, es ist der Glanz des märchenhaften Reichtums, der uns das Hirn vernebelt. Wir haben, bewusst oder unbewusst, immer noch Bilder vom Orient im Kopf, die wir mit der irren Hoffnung verknüpfen, etwas von diesem Reichtum möge auf uns herabfallen – auch wenn es völlig realitätsfern ist. Wir bewundern die Scheichs für ihre Yachten, Privatjets und goldenen Paläste. Im Schein der Milliarden übersehen wir jede Gräueltat.

Diese neurotische Seelenallianz des Durchschnitts mit den Superreichen reicht dabei vom Unternehmer, der im Ölprinz den Retter seiner maroden Firma erhofft, über die Händler auf Münchens Maximilianstraße, die beten, so ein Araber mit seinen zwei schwarzen Hüllenwesen im Schlepp möge auch bei ihnen mal einige Zehntausend liegen lassen, bis zu den Leserinnen einschlägiger Klatschblätter, die sich gerne ein Märchen von 1001 Nacht erzählen lassen.

Angesichts der Auspeitschungen und öffentlichen Enthauptungen in Saudi-Arabien kann man also nicht einfach mit dem Finger auf andere zeigen: auf die Politik, die Waffenhändler, die Ölkonzerne. Nein, jeder, der sich vom Glanz des märchenhaften Reichtums beeindrucken lässt, macht sich zum heimlichen Komplizen dieses finsteren Gewaltregimes. Spüren Sie, wie der Lederriemen die nackte Haut aufreißt?

Noch einige Anmerkungen, für die im Radio kein Platz mehr war:

Was die Aussicht auf unverdienten Reichtum mit den Menschen macht, haben Friedrich Dürrenmatt in seinem “Besuch der alten Dame”, Dostojewski in “Der Spieler” und Joseph Roth im “Hotel Savoy” gezeigt: Die Güllener schrecken nicht vor Mord zurück, der Spieler sehnt den Tod der Moskauer Erbtante herbei (und dreht durch, als diese, quicklebendig, ihre Hunderttausende ebenfalls im Casino verzockt), die Lodzer Bagage lungert in Erwartung des reichen Onkels aus Amerika arbeitsscheu in der Hotellobby herum (immerhin).

Diese Seelenallianz mit den Superreichen und die irrationale Hoffnung, es könnte einen selbst doch noch irgendwann der Reichtum treffen (der sich bei manchen bis zum letzten Atemzug hält), haben hierzulande bislang noch jeden Versuch einer Erhöhung von Erbschafts- und Vermögenssteuer sicher verhindert.

Erzieherinnen verdienen nicht mehr Geld, sondern andere Jobs

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Politisches Feuileton vom 19.5.2015

Man wird oft den Eindruck nicht los, dass die Forderung des Mehrhabenwollens sich allein aus der Wahrnehmung speist, andere hätten ja schließlich noch mehr. Etwa so, wie Kinder sich um einen Kuchen balgen. Womit wir beim Thema wären: Gegenwärtig bleiben viele Kindergärten geschlossen, weil sich die Erzieherinnen unterbezahlt fühlten.

Zu Recht? Ihr Lohn, so wird argumentiert, läge deutlich unter dem deutschen Durchschnitt, und das könne bei einer so verantwortungsvollen Tätigkeit ja wohl nicht sein. Einmal abgesehen davon, dass hier bei einem mittleren Gehalt von 2.700 Euro auf vergleichsweise hohem Niveau geklagt wird, – der Vergleich mit Löhnen in der freien Wirtschaft ist gerade kein Argument.

Der soziale Sektor, zu dem auch alle Erziehungsleistungen gehören, ist ökonomisch grundsätzlich defizitär. Das heißt, das Geld, das hier ausgegeben wird, muss anderswo erwirtschaftet werden: indem man Rohstoffe aus der Erde buddelt, Schweine mästet, Autos zusammenschraubt oder den Leuten fragwürdige Finanzprodukte andreht. Wenn man eine Volkswirtschaft nicht binnen einer Generation ruinieren will, dann dürfen die Reproduktionskosten die Produktionserlöse nicht übersteigen.

Will man seine Kinder nicht als Investitionsgüter behandeln, mit denen man auf dem modernen Sklavenmarkt ordentlich Rendite machen kann, dann fällt ihre Betreuung und Erziehung unter eben diese Reproduktionskosten. Wer mit dieser notwendigen Differenz zwischen seiner persönlichen produktiven und sozialen Arbeit nicht leben mag, hätte sich einen anderen Beruf wählen sollen. In der kapitalistischen Tretmühle sind auch diejenigen gefangen, die es nicht wahrhaben wollen.

Eine berufliche Perspektive bieten die wenigsten dieser Tätigkeiten

Ebenfalls kein Argument ist der Hinweis auf die langwierige und anspruchsvolle Ausbildung im Erzieherberuf. Nach dieser Logik hätte jeder Absolvent einer Kunstakademie Anspruch auf Festanstellung als Staatskünstler. Auch dass Kindererziehung eine anstrengende Tätigkeit ist, rechtfertigt keine Gehaltserhöhung: Mutti macht’s schließlich umsonst. Beim Lohn geht es nicht um Gerechtigkeit, er ist auch keine Belohnung fürs Liebsein.

Also alles in Ordnung auch ohne Lohnsteigerung für die sozial Arbeitenden? Ganz so einfach ist es nun doch nicht. Sie halten der Wirtschaft immerhin den Rücken frei und sorgen dafür, dass Papi weder die kranke Omi pflegen, noch sich um die plärrenden Blagen kümmern muss, sondern ordentlich dem Burn-Out entgegenschuften kann. Diejenigen, die sich für einen sozialen Beruf entschieden haben, dafür in Sippenhaft zu nehmen, erscheint doch zumindest unfair. Denn es ist ja richtig: eine berufliche Perspektive bieten die wenigsten dieser Tätigkeiten.

Über zwei Dinge sollte man daher nachdenken: Erstens darüber, ob Kindergärtnerinnen die gleiche Steuer- und Abgabenlast tragen müssen wie Angestellte in der freien Wirtschaft. Schließlich erbringen sie eine gemeinnützige Leistung und heilen nicht selten die Wunden, die unser Wirtschaftssystem andernorts reißt.

Zweitens sollten sich „die Wirtschaft“ und „die Politik“ überlegen, ob sie nicht nur ihr Spitzenpersonal mal für zwei Wochen ins Sozialpraktikum schicken, damit es nicht vollends verroht, sondern sich umgekehrt auch für Menschen mit pädagogischer Ausbildung öffnet und ihnen Karriereperspektiven bieten.

Wer tränenreiche Streitereien im Sandkasten schlichten kann, dem dürfte das Verhalten mancher Vorstände nicht fremd sein. Und wer erfolgreich von verpeilten oder überkandidelten Eltern pünktlich das Essensgeld eintreibt, beweist damit Qualifikationen, die dem einen oder anderen Finanzminister in Europa gerade abgehen.